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Gesetzliche Altersrenten: Düstere Aussichten für die Jugend

Wer bis 1954 geboren ist, hat eine berechtigte Chance, dass er im Laufe seines Rentenalters mehr gesetzliche Rente erhält als er eingezahlt hat. Bei den danach geborenen wird es immer unwahrscheinlicher. Dies belegt eine Studie eines Finanzmathematikers.

Lohnt sich die gesetzliche Rente noch? Zahlen sich die gezahlten Rentenbeiträge aus? Zu welchem Zeitpunkt sind die Renteneinnahmen so hoch wie die Beitragssumme? Diesen Fragen ist der Finanzmathematiker Werner Siepe im Auftrag eines Finanzdienstleisters nachgegangen. In seiner Studie hat er den „Break-even-Point“ für gesetzlich Rentenversicherte unterschiedlichen Alters errechnet.

Die wichtigsten Ergebnisse: Bei den etwa 18 Millionen Personen, die hierzulande aktuelle eine gesetzliche Altersrente erhalten, wird die gesetzliche Rente, je nach Beitragsdauer und Geburtsjahr, bereits nach etwa zwölf bis 14 Jahren zum lohnenden Geschäft. Künftige Rentner werden viel länger eine Rente beziehen müssen, bis sie mehr ausgezahlt bekommen, als sie eingezahlt haben.

Standardrentner erreicht Gewinnschwelle schon nach gut elf Jahren

Siepes Rechnung basiert auf einen in der Realität nicht existierenden, aber als Rechengröße oft herangezogenen Standardrentner, auch „Eckrentner“ genannt. Ein Standardrentner ist ein Musterrentner, der 45 Jahre lang ein Gehalt in Höhe des jährlichen Durchschnittsentgeltes aller gesetzlich Rentenversicherten hatte und entsprechende Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) einzahlte, bis er in Rente gegangen ist.

2021 hätte der Standardrentner dafür beispielsweise 41.541 Euro, 2020 39.167 Euro, 2019 39.301 Euro, 2010 31.144 Euro, 2000 27.741 Euro, 1990 21.447 Euro und 1980 15.075 Euro verdienen müssen. Folgende Kriterien hat Siepe bei der Berechnung für den Standardrentner zugrunde gelegt:

  • Annahme: Geburtsdatum 1.1.1946, Beitragsbeginn 1.1.1966, Rentenbeginn 1.1.2011 nach 45 Jahren Durchschnittsverdienst
  • Beitragssumme: 166.094 Euro (ermittelt anhand der Durchschnittsentgelte und Gesamtbeitragssätze für die Beitragsjahre 1966 bis 2010, Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung werden bei Sozialversicherungs-pflichtig Beschäftigten je zur Hälfte von Arbeitnehmer und Arbeitgeber getragen)
  • erste monatliche Bruttorente ab 1.1.2011: 45 Entgeltpunkte (für 45 Jahre Durchschnittsverdienst) x 27,20 Euro aktueller Rentenwert West am 1.1.2011) = 1.224 Euro
  • Gewinnschwelle: Beitragssumme 166.094 Euro: erste monatliche Bruttorente 1.224 Euro = 135,7 Monate oder 11,31 Jahre (elf Jahre und vier Monate), also Rentenbeginn 1.1.2011 plus elf Jahre und vier Monate = 1.5.2022, dann ist der am 1.1.1946 geborene Standardrentner 76 Jahre und vier Monate alt

Rentenplus und Abgabeminus heben sich rechnerisch auf

Der Finanzmathematiker hat zudem untersucht, was passiert, wenn von der Bruttorente noch Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung abgezogen und alle seit Rentenbeginn eingetretenen Rentensteigerungen berücksichtigt werden. Das Ergebnis grenze „fast an ein Wunder“, meint er.

Die Gewinnschwelle werde zum exakt gleichen Zeitpunkt erreicht wie in der Rechnung mit Bruttorenten und ohne Rentensteigerungen. „Die Plus-Minus-Rechnung zeigt: Rentenplus durch laufende Rentenerhöhungen und Abgabenminus durch laufende Beiträge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung heben sich rechnerisch gegenseitig auf“, so Siepe.

Für in 1946 geborene heutige Rentner mit Durchschnittsverdienst, die kürzer eingezahlt haben, sieht die Kosten-Nutzen-Analyse etwas schlechter aus. Bei 40 Beitragsjahren wird die Gewinnschwelle nach 12,38 Jahren, bei 35 Jahren nach 13,43 Jahren erreicht, also erst im Alter von 77 Jahren und fünf Monaten beziehungsweise mit 78 Jahren und fünf Monaten.

Die Situation für real existierende Rentner – ehemals Gutverdiener

Der Studienautor hat darüber hinaus Originalfälle untersucht, zu denen ihm Rentenbescheide der Deutschen Rentenversicherung (DRV) vorlagen. Genauer betrachtet hat er die Daten von acht Bestandsrentnern, die zwischen 1942 und 1954 geboren wurden und in den Jahren 2007 bis 2020 in den Ruhestand gegangen sind.

Ausgewählt wurden ausschließlich Gutverdiener mit mindestens 35 Pflichtbeitragsjahren in der gesetzlichen Rentenversicherung und einer geschlossenen Erwerbsbiografie. So kam eine „bunte Mischung“ von fünf Männern und drei Frauen, fünf Regelalters- und drei Frührentnern, fünf Akademikern und drei Nicht-Akademikern, fünf gesetzlich und drei privat krankenversicherten Senioren zusammen.

Gutverdiener, sind Beschäftigte deren Verdienst während der Erwerbstätigkeit oberhalb der jeweiligen Beitragsbemessungs-Grenze in der GRV (West) lagen. 2021 hätte ein Gutverdiener beispielsweise über 85.200 Euro, 2020 über 82.800 Euro, 2019 mehr als 80.400 Euro, 2010 über 66.000 Euro, 2000 über 52.765 Euro und 1990 mehr als 38.654 Euro verdienen müssen.

Gewinnschwelle im Alter von 77 und 78 Jahren bei Originalfällen
Geburts-Datum

Rente ab

Beitrags-Jahre

Beitrags-Summe in Euro

erste monatliche Bruttorente in Euro

Break-even*

Gewinn-Schwelle mit (in Lebensjahr/-monaten)

20.11.1942

01.12.2007

35,08

249.105

1.644

12,63

77/8

07.01.1947

01.03.2012

39,50

315.570

1.992

13,20

78/4

25.09.1947

01.04.2012

43,33

314.327

2.087

12,55

77/1

14.10.1953

01.01.2017

47,25

385.963

2.323

13,85

77/0

20.12.1953

01.01.2017

37,92

346.349

1.910

15,11

78/2

21.05.1954

01.06.2017

38,42

407.499

2.201

15,42

78/5

27.03.1954

01.12.2019

45,42

378.154

2.509

12,56

78/3

26.09.1954

01.06.2020

47,17

386.438

2.613

12,32

78/0

Geringe Unterschiede bei den Gewinnschwellen

Den Originalfällen hat er Musterfälle von Rentnern im gleichen Alter mit 40 Pflichtbeitragsjahren und Verdiensten oberhalb der jeweiligen Beitragsbemessungs-Grenze in der gesetzlichen Rentenversicherung West gegenübergestellt. Diese Tabelle zeige, „wie gering sich die Gewinnschwellen unterscheiden“, so Siepe.

Im ersten Fall beispielsweise, der sich auf einen real existierenden Rentner Jahrgang 1942 bezieht, liegt dem Studienautor zufolge der Break-even-Point bei zwölf Jahren und acht Monaten statt bei elf Jahren und sieben Monaten wie im Musterfall. Die um rund ein Jahr verlängerte Gewinnschwelle sei hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass dieser Ruheständler nur rund 35 vollwertige Pflichtbeitragsjahre aufweise.

Gewinnschwelle bei Altersrenten von Gutverdienern* nach 40 Beitragsjahren
Geburtsjahr jeweils zum 01.01.

Beitragssumme in Euro**

erste monatliche Bruttorente in Euro***

Gewinnschwelle in Jahren mit Rentenbeginn im Alter von 65 Jahren

1942

260.890

1.868,42

11,64

1943

272.225

1.890,49

12,00

1944

283.408

1.919,48

12,30

1945

294.635

1.976,64

12,42

1946

305.892

1.990,25

12,81

1947

316.714

2.018,47

13,08

1948

327.695

2.071,09

13,19

1949

338.309

2.085,59

13,52

1950

349.043

2.130,30

13,65

1951

359.672

2.183,72

13,73

1952

370.161

2.283,16

13,51

1953

380.655

2.332,24

13,60

1954

391.077

2.411,52

13,51

1955

401.614

2.490,69

13,44

1956

412.376

2.582,08

13,31

1957

423.229

2.585,41

13,64

Der Experte stellt in seiner Studie eine Hypothese auf: „Grundsätzlich gilt: Je mehr (weniger) Beitragsjahre, desto früher (später) wird die Gewinnschelle erreicht. Dabei gilt die Faustregel: Für jeweils fünf Beitragsjahre mehr (weniger) wird die Gewinnschwelle ein Jahr früher (später) erreicht.“

Die Rentenaussichten für Gutverdiener ab Jahrgang 1958 …

Der Finanzmathematiker hat zudem Gewinnschwellen für künftige Rentner der Jahrgänge 1958 bis 2005 ermittelt. Basis waren DRV-Renteninformationen. „Allerdings sind diese Berechnungen mit einer größeren Unsicherheit verbunden, da es sich nur um Rentenanwartschaften auf eine künftige Früh- oder Regelaltersrente handeln kann“, gibt er zu bedenken.

Bei den Älteren sieht die Situation noch vergleichsweise gut aus. In einem Originalfall, der sich auf einen 1961 geborenen Gutverdiener bezieht, der 2027 mit 66 Jahren und sechs Monaten regulär in Rente gehen wird, liegt die Gewinnschwelle bei 13 Jahren und sieben Monaten. Für ein Rentenplus muss er somit mindestens 80 Jahre und vier Monate alt werden.

Gewinnschwelle bei Altersrenten von Gutverdienern* mit 40 Beitragsjahren ab Jahrgang 1958
Geburtsjahr jeweils zum 01.01.

Beitragssumme in Euro**

erste monatliche Bruttorente in Euro***

Gewinnschwelle in Jahren mit Rentenbeginn im Alter von 65 Jahren

1958

433.774

2.705,03

13,36

1959

444.546

2.773,44

13,36

1960

456.374

2.840,49

13,39

1961

468.334

2.866,11

13,62

1962

480.626

2.931,19

13,66

1963

493.963

2.986,14

13,78

1964

507.968

3.030,15

13,97

1965

522.684

3.089,29

14,10

1966

538.225

3.164,04

14,18

1967

554.920

3.234,37

14,30

1968

572.687

3.311,42

14,40

1969

590.528

3.382,45

14,55

1970

608.360

3.463,33

14,64

1971

627.414

3.553,90

14,70

1975

706.803

3.875,29

15,20

1980

821.043

4.292,97

15,94

1985

951.405

4.717,86

16,81

1990

1.104.358

5.198,32

17,70

1995

1.277.082

5.733,14

18,50

2000

1.468.478

6.314,17

19,38

2005

1.672.637

6.972,35

19,99

Beim Jahrgang 1971 tritt die Gewinnschwelle für einen Altersrentner, der während des Erwerbslebens über der GRV-Beitragsbemessungs-Grenze (West) verdient hat, erst nach 14 Jahren und 9 Monaten nach Rentenbeginn ein.

… und für einen Standardrentner nach 45 Beitragsjahren

Bei künftigen Rentnern mit 45 Jahren Durchschnittsverdienst wird Siepe zufolge die Gewinnschwelle im Schnitt rund ein Jahr früher erreicht. „Je mehr Pflichtbeitragsjahre vorliegen und je länger sie zeitlich zurück liegen, desto günstiger wirken sich die seinerzeit geringen Pflichtbeiträge auf die Gewinnschwelle aus“, kommentiert er.

Je jünger die Versicherten sind, desto geringer sind die Aussichten für einen Rentengewinn. Bei Versicherten mit durchschnittlichem Einkommen, die 2005 geboren sind und nach 45 Pflichtbeitragsjahren in den Ruhestand gehen, sind es 17 Jahre und acht Monate, bis sie die Gewinnzone erreichen.

Gewinnschwelle bei Altersrenten eines Standardrentners* mit 45 Beitragsjahren ab Jahrgang 1958
Geburtsjahr jeweils zum 01.01.

Beitragssumme in Euro**

erste monatliche Bruttorente in Euro***

Gewinnschwelle in Jahren mit Rentenbeginn im Alter von 65 Jahren

1958

231.597

1.572,30

12,27

1959

237.204

1.652,40

11,96

1960

243.369

1.698,30

11,94

1961

249.604

1.709,10

12,17

1962

255.980

1.742,85

12,24

1963

262.979

1.785,60

12,26

1964

269.979

1.822,50

12,34

1965

277.440

1.890,45

12,46

1966

285.143

1.928,25

12,57

1967

293.186

1.965,10

12,67

1968

301.789

2.003,40

12,79

1969

310.761

2.043,45

12,93

1970

320.061

2.089,90

13,05

1971

329.759

2.132,60

13,15

1975

371.046

2.307,31

13,63

1980

427.724

2.547,45

14,27

1985

494.950

2.812,60

14,96

1990

572.514

3.105,39

15,67

1995

660.425

3.428,54

16,37

2000

759.176

3.785,38

17,05

2005

869.198

4.179,32

17,68

Nur wenige erfüllen die Kriterien der Studie

Übrigens, die aktuellen Statistiken der DRV belegen, dass nicht einmal jeder dritte Rentenbezieher, der 2020 erstmalig eine Altersrente bekam, mindestens 45 Jahre GRV-Beitragszeiten vorweisen konnte. Zudem haben nur wenige während ihres Erwerbslebens dauerhaft einen Verdienst, der über der GRV-Beitragsbemessungs-Grenze (West) liegt, wie dies in der Annahme der Studienberechnungen der Fall ist. Damit ist die tatsächliche Altersrente bei den meisten erheblich geringer als die eines Standardrentners und wie die in der Studie, wie die DRV-Statistiken belegen.

Die durchschnittliche Nettoaltersrente eines Standardrentners – also nach Abzug der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung, aber vor Steuern – betrug 2020 1.371 Euro in West- und 1.332 Euro in Ostdeutschland, was einem Rentenniveau von rund 48,2 Prozent entspricht. Bei allen knapp 18,5 Millionen Rentnern, die eine Altersrente bekommen haben, betrug 2020 die durchschnittlich ausbezahlte Rentenhöhe in den alten Bundesländern nur 944 Euro und in den neuen Bundesländern nur 1.172 Euro netto vor Steuern.

Die Höhe der Regelaltersrente, der mit knapp 42 Prozent am häufigsten bezogenen Altersrentenart bei allen Bestandsrentnern, lag im bundesweiten Schnitt bei nur knapp 697 Euro netto vor Steuern. Die Statistiken belegen, dass die gesetzliche Rente allein nicht ausreicht, um seinen Lebensstandard zu halten. Daher ist eine Altersvorsorge wichtig. Bei einer Beratung durch einen Versicherungsexperten erfährt man, mit welchem Alterseinkommen man rechnen kann und welche Vorsorgehöhe und -form sinnvoll sind, um seinen Lebensstandard im Rentenalter halten zu können.